Mehr als Durchblick

(Kommentare: 0)

Von der Forschung zum Produkt: Mit Hilfe von Datenbrillen sollen Windräder einfacher gewartet werden

Mehr als Durchblick
Mehr als Durchblick

Bremen. Hauke Tischkewitz ist ganz oben angekommen. Er steht über den Dingen und kann den Boden kaum erkennen. Der Nebel liegt über dem Gelände der Bremer Stahlwerke, nur vereinzelt schauen Fabrikanlagen heraus. Und Windräder. In so einem steht Tischkewitz gerade, etwa 105 Meter über dem Boden.


In der Gondel des Windrads ist es eng. Es gibt Schaltschränke, Knöpfe und andere Technik. Um die müssen sich Monteure wie Tischkewitz regelmäßig kümmern. Er arbeitet seit mehreren Jahren beim Bremer Windparkbetreiber und -entwickler WPD und hilft nebenbei in einem Forschungsprojekt, die Wartung und Überprüfung von Windrädern, und damit seinen eigenen Job, zu vereinfachen. Gelingen soll das mit dem Einsatz von Datenbrillen.

Dazu haben sich WPD, das Bremer Institut für Produktion und Logistik (Biba), die Bremer Firma Anymotion und Comback aus dem Schwarzwald zusammengetan und forschen nun schon seit etwa eineinhalb Jahren, wie Augmented Reality (erweiterte Realität) im Arbeitsalltag von Windanlagentechnikern eingesetzt werden kann. „Windräder sehen zwar alle sehr ähnlich aus“, sagt Moritz Quandt, Projektleiter beim Biba. „Sie unterscheiden sich jedoch alle.“ Darauf müssten sich Techniker, die eine Anlage begutachten, jedes Mal neu einstellen.

Damit das künftig einfacher wird, sollen Datenbrillen zum Einsatz kommen, die dem Monteur wichtige Daten für seine Arbeit liefern. Das kann beispielsweise schon beginnen, nachdem der Techniker den Turm der Windenergieanlage betreten hat. Er setzt die Datenbrille auf und schaut auf eine Markierung. Die Kamera der Brille scannt diesen Marker und registriert sofort, in welcher Anlage der Techniker steht. „Standpunkt: Turm unten“, wird in das Sichtfeld des Trägers projiziert. Auch was als nächstes kommt, weiß die Brille: Mit dem Fahrstuhl geht es hoch in die Gondel, etwa 100 Meter über den Boden. Angekommen, sagt die Brille, zu welchem Schaltschrank der Techniker dann muss, etwa „Zielpunkt: Gondel, hinten“. „Hier können die Techniker dann die entsprechenden Schaltpläne direkt über ihre Brille aufrufen“, sagt Oliver Klausch von WPD. Das sei hilfreich, denn nicht in jeder Anlage gebe es auch die entsprechende Dokumentation. In der bisherigen Version ist das aber nur eingeschränkt möglich. Das Programm ist nur als Vorabversion vorhanden.

Bislang wurde die Brille nur für die DGUVPrüfung programmiert, ein Standardprozess, der bei jeder Windanlage durchgeführt werden muss. „Dafür haben wir uns die Arbeitsschritte bei Technikern wie Hauke Tischkewitz angeschaut“, sagt Van Binh Nguyen, der als Software-Entwickler bei Anymotion arbeitet und das Programm für die Brille geschrieben hat.

Die größten Herausforderungen bei diesem Projekt sind die unterschiedlichen Anlagentypen und die verschiedenen Prüfmöglichkeiten. Sie müssen alle in der Datenbank hinterlegt sein, zudem muss jedes Windrad mit den entsprechenden Barcodes beklebt werden, damit das Programm erfasst, vor welchem Schaltkasten der Techniker gerade steht.

Und auch die Hardware, also die Datenbrille, setzt derzeit noch Grenzen: Das Modell, mit dem das Forschungsteam arbeitet, hat nur eine Kamera mit geringer Leistung. Sie entspricht etwa der Auflösung von zehn Jahre alten Handykameras. „Ab 2017 wird sich der Markt für Datenbrillen aber stark verändern“, sagt Nguyen. Denn momentan würden viele große Technologiekonzerne an eigenen Modellen arbeiten und auch die Industrie suche nach Einsatzmöglichkeiten für Augmented Reality. Erst kürzlich habe Microsoft mit der Hololens ein leistungsstarkes
und lang erwartetes Modell auf dem Markt gebracht.


Das Biba, Anymotion und WPD erhoffen sich von dem Projekt eine Software, die auf alle Datenbrillen übertragbar ist und den Technikern vor Ort die Arbeit vereinfacht und verkürzt. Bedarf dafür ist auf jeden Fall da. Mitte des Jahres gab es etwa 26 500 Windräder an Land und fast 900 auf dem Meer. Sie alle müssen regelmäßig gewartet werden. Allein WPD kümmert sich um mehr als 2000 Windanlagen. „Wenn wir die Einsatzzeit vor Ort verkürzen können, wäre das
ein Gewinn“, sagt Klausch. Denkbar ist auch, dass ein Techniker über die Brille einen Spezialisten in der Zentrale zuschaltet und er per Live-Video das Problem aus der Ferne beheben kann. „So muss der Spezialist nicht extra zum Windpark fahren und spart Zeit.“


Neben der Brille und ihren technischen Möglichkeiten ist die Datensicherheit eine weitere Herausforderung bei diesem Projekt. „Die Daten gehören den Anlagenbetreibern“, sagt Achim Issmer, Geschäftsführer von Comback. „Sie müssen sicher von der Brille in das System des Unternehmens übertragen werden.“ Hinzu kommt, dass bei so einer Wartung Dateien mit unterschiedlichen Formaten und Größen anfallen – von wenigen Megabyte bis mehreren Gigabyte.

Für die Firma aus dem Schwarzwald ist es das erste Mal, dass sie sich mit Windkraft beschäftigt. „Uns geht es bei Forschungsprojekten darum, die Zukunft zu gestalten“, sagt Issmer. „Wir lernen so den Markt kennen, und wissen, wo er hingeht.“

Das Forschungsprojekt, das unter anderem vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand gefördert wird, läuft noch bis kommenden März. Wie weit das Team dann ist, ist noch nicht ganz klar. „Dann sollte die komplette DGUV-Prüfung möglich sein“, sagt Quandt vom Biba. „Wir werden dann nicht mehr weit von der Praxisreife entfernt sein.“

VON STEFAN LAKEBAND


(zur AR-Maintenance Seite)

Zurück